«Die Schweiz ist im Be­reich der Ele­men­tar­schä­den gut ab­ge­si­chert»

Interview23. Juli 2021

Hagel, Sturm und Überschwemmung haben diesen Sommer an Gebäuden, Fahrzeugen und in landwirtschaftlichen Kulturen hierzulande grosse Schäden angerichtet. Eduard Held, Geschäftsführer Elementarschaden-Pool und Fachverantwortlicher Rückversicherung, ordnet ein, wie gross die Folgen für die Versicherungswirtschaft sind und ob der Klimawandel dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Nach den Unwettern der letzten Wochen haben die Gebäude- und Privatversicherer teilweise hohe Schadenschätzungen vermeldet. Wird die Unwetterserie zur Belastungsprobe für den Elementarschaden-Pool?

Eduard Held: Nein, mit Unwetter in dieser Grössenordnung ist alle fünf bis zehn Jahre zu rechnen. Natürlich gab es besonders betroffene Gebiete, für die es eine absolute Ausnahmesituation war. Für den Elementarschaden-Pool rechnen wir – Stand heute – damit, dass 2021 das schadenreichste Jahr seit 2007 werden könnte. An die Belastungsgrenze stösst der ES-Pool deswegen nicht. Von den Unwettern war allerdings nicht nur die Elementarschadenversicherung betroffen: Grosse Schäden sind auch in der Motorfahrzeugversicherung entstanden, da durch Hagel viele Autos beschädigt wurden. Diese Summen fliessen nicht in den Elementarschaden-Pool mit ein. 

Eduard Held, Geschäftsführer Elementarschadenpool

Attestiert der Schweiz einen guten Schutz gegen Elementarschäden: Eduard Held

Sorgt der Klimawandel für steigende Schadenzahlen?

Eduard Held: Wenn man die historischen Schadenzahlen gemäss Wertzuwachs bereinigt, sieht man keinen steigenden Schadentrend mehr. Konkret heisst dies: Das identische Ereignis, das 1980 einen Schaden von 1000 Franken verursacht hat, verursacht heute einen Schaden von rund 3000 Franken. Dies alleine deswegen, weil mehr versicherter Wert vorhanden ist. Wenn man diesen Effekt in den Schadenzahlen berücksichtigt, verschwindet der vermeintliche Anstieg der Schadenlast. Es gibt aber weitere Faktoren, die die Schadensummen beeinflussen. Beispielsweise Präventionsmassnahmen wie Hochwasserschutz, die den gegenteiligen Effekt haben und dafür sorgen, dass Schäden in den letzten Jahren signifikant reduziert werden konnten. Durch diese und weitere sich überlagernde Effekte lässt sich die Auswirkung des Klimawandels nicht aus den Schadenzahlen herauslesen – was nicht heisst, dass es sie nicht gibt.

Tiefe Prämien dank doppelter Solidarität

Elementarschadenversicherung
Für Gebäude ist die Elementarschadenversicherung in den meisten Kantonen obligatorisch und von Gesetzes wegen an die Feuerversicherung gekoppelt. Gebäudeschäden werden in 19 Kantonen von Kantonalen Gebäudeversicherern abgedeckt, in den sogenannten GUSTAVO-Kantonen (Genf, Uri, Schwyz, Tessin, Appenzell Innerrhoden, Wallis, Obwalden) sind die Privatversicherer dafür zuständig. Grundsätzlich sind neun Risiken mit der Elementarschadenversicherung abgedeckt: Hochwasser, Überschwemmung, Sturm, Hagel, Lawinen, Schneedruck, Felssturz, Steinschlag und Erdrutsch.

Hausrat und Fahrhabe werden in den meisten Kantonen ebenfalls von Privatversicherern durch die Hausratsversicherung abgedeckt. Auch sie umfasst eine Deckung für Elementarschäden. 

Die Prämiensätze der Privatversicherungen sind gesetzlich geregelt und für alle Versicherungsnehmer in der Schweiz, unabhängig von der individuellen Gefährdung, gleich. 

Elementarschaden-Pool
Der Elementarschaden-Pool ermöglicht einen Schadenausgleich zwischen den Privatversicherern. Versicherungen, die überdurchschnittlich viele Schäden abdecken müssen, werden von weniger stark betroffenen Versicherungen entschädigt. 

Durch diese doppelte Solidarität bleiben die Prämien für die Versicherten tragbar und Elementarschäden für die Privatassekuranz versicherbar. Gleichzeitig erreicht die Schweiz einen flächendeckenden Versicherungsschutz gegen Elementargefahren.

Deutschland wurde von den Unwettern schwerer getroffen und steht mit einem schlechteren Schutz da als die Schweiz. Sind in der Schweiz ähnliche Szenarien denkbar?

Eduard Held: Im Bereich der Elementarschäden ist die Schweiz mit einer Versicherungsdurchdringung von deutlich über 90 % besser abgesichert als Deutschland. Wo aber eine grosse Schutzlücke besteht, ist bei Erdbeben. Dieses Risiko ist nicht durch die Elementarschadenversicherung abgedeckt, was sich viele nicht bewusst sind. Da dieses Risiko ein enormes Schadenpotenzial aufweist, sind auch hier Lösungen dringlich. Bisher sind Initiativen wie die Aufnahme des Erdbebenrisikos in die Elementarschadenversicherung an der Politik gescheitert. 

Zur Person:

Eduard Held ist seit dem 1. Januar 2021 Geschäftsführer des Elementarschadenpools. Im Schweizerischen Versicherungsverband SVV trägt er zudem die Verantwortung für das Rückversicherungsgeschäft. Der promovierte Mathematiker ETH verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der internationalen Rückversicherungsbranche.