«Die Ele­men­tar­scha­den­ver­si­che­rung ba­siert auf dop­pel­ter So­li­da­ri­tät»

Interview04. Januar 2021

Eduard Held ist seit dem 1. Januar 2021 Geschäftsführer des Elementarschadenpools. Im Interview mit Daniel Schriber erläutert er, was dieses Modell ausmacht – und warum Erdbeben bis heute nicht im Pool eingeschlossen sind.

Herr Held, der Elementarschadenpool stammt aus den 1930er-Jahren. Ist dieses Konzept heute noch zeitgemäss?

Und ob! Auch wenn es über die Jahrzehnte immer wieder Anpassungen gab, hat sich der Elementarschadenpool seit seiner Einführung sehr bewährt. Wenn man die Diskussionen in anderen Ländern zu möglichen Poollösungen verfolgt, so können wir mit Stolz festhalten, dass die Schweiz schon sehr früh eine funktionierende und breit abgestützte Lösung implementiert hat.

Eduard Held, Geschäftsführer Elementarschadenpool

Die Elementarschadenversicherung ist ein gutes Beispiel für eine brancheninterne Zusammenarbeit: Eduard Held ist der neue Geschäftsführer des Elementarschadenpools.

Was macht dieses Modell so einzigartig?

Die Elementarschadenversicherung basiert auf der doppelten Solidarität innerhalb der Bevölkerung und unter den Versicherungsunternehmen. Das Modell funktioniert, weil der Gesetzgeber und die Privatwirtschaft an einem Strick ziehen und ihren Part zu einer erfolgreichen Umsetzung beisteuern. Der Elementarschadenpool dient aber nicht allein dem Schadensausgleich zwischen den Gesellschaften – er ist auch verantwortlich für den gemeinsamen Einkauf von Rückversicherung mit einem Deckungsumfang von gesamthaft 1,2 Milliarden Franken.
 

Könnten Elementarschäden nicht auch rein privatwirtschaftlich versichert werden?

Nein, es braucht die Partnerschaft zwischen Staat und Privatwirtschaft. Denn ohne ein gesetzliches Obligatorium wären die notwendige Solidarität und ein Pricing mit für alle tragbaren Prämien nicht möglich.

Aus Sicht der Versicherungswirtschaft wäre es wünschenswert, Erdbeben als weitere Gefahr in die Elementarschadenversicherung aufzunehmen.

Im Elementarschadenpool sind neun Naturgefahren versichert, Erdbeben gehören jedoch nicht dazu. Warum?

Aus Sicht der Versicherungswirtschaft wäre es wünschenswert, Erdbeben als weitere Gefahr in die Elementarschadenversicherung aufzunehmen. Dies wurde seit der Entstehung des Pools auch immer wieder diskutiert, aber leider nie verwirklicht. Dieses Vorhaben ist wiederholt an der Politik gescheitert, was unbefriedigend ist.
 

Wo liegen die Gründe dafür?

Hauptgrund ist der ausgeprägte Katastrophencharakter der Erdbebengefahr. Solche Ereignisse passieren überaus selten, verfügen jedoch über ein sehr grosses Schadenpotenzial. Zudem hätte eine Erweiterung des Deckungsumfangs eine Prämienerhöhung zur Folge. Das sorgt naturgemäss für Widerstände und strapaziert den erforderlichen Solidaritätsgedanken.

Welche Rahmenbedingungen müssten gegeben sein, damit eine flächendeckende Erdbebenversicherung eingeführt werden könnte?

Die wichtigste Bedingung ist das Vorhandensein des politischen Willens aller Beteiligten. Dieser muss auch die Bereitschaft umfassen, verfassungsrechtliche Hemmnisse zu überwinden. Eine Rollenteilung zwischen öffentlicher Hand, Privatversicherungen und kantonalen Gebäudeversicherern könnte einen für alle tragbaren Versicherungsschutz ermöglichen. Der heutige Elementarschadenpool zeigt beispielhaft, wie die Last seltener Ereignisse mit möglicherweise katastrophalen Auswirkungen geschultert werden kann. Immerhin: Es sind auch heute wieder neue Ansätze und Lösungsvorschläge auf dem Tisch …
 

… was nicht heisst, dass die Lösung auch wirklich bald realisiert wird.

Das kann tatsächlich noch dauern. Manchmal geht es aber auch schneller, als man denkt. Häufig sind es Ereignisse, die dazu führen, dass gehandelt wird. So führte zum Beispiel ein dramatischer Lawinenwinter zur Gründung der Elementarschadenversicherung in seiner heutigen Form.

Seit dem Frühjahr 2020 arbeitet die Versicherungsbranche zusammen mit der Verwaltung an Vorschlägen, wie eine flächendeckende Pandemielösung ausschauen könnte.

Auch für Pandemien existieren keine Poollösungen. Warum wurde das bis jetzt verpasst?

Die Notwendigkeit dafür wurde wohl einfach nicht genügend wahrgenommen: Unsere Gesellschaft war in der jüngeren Vergangenheit nie einem Pandemieereignis ausgesetzt. Dies hat sich nun offensichtlich geändert. Seit dem Frühjahr 2020 arbeitet die Versicherungsbranche zusammen mit der Verwaltung an Vorschlägen, wie eine flächendeckende Pandemielösung ausschauen könnte.
 

Gibt es Parallelen zwischen der Elementarschadenversicherung und einer möglichen Pandemieversicherung?

Die wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass die Versicherungsbranche zu einer für alle tragbaren Lösung Unterstützung bieten kann – dies insbesondere mit ihrem Know-how zur Risikoeinschätzung, zum Schadenhandling, zum Aufzeigen der Kostenwahrheit sowie als Risikoträger. Gemeinsam ist auch die Notwendigkeit eines Versicherungsobligatoriums. Nur mit einem solchen ist eine Lösung auf dieser Basis vorstellbar.
 

Wo liegen die Unterschiede zwischen dem Elementarschadenpool und einer möglichen Pandemielösung?

Der grosse Unterschied ist die für die Versicherbarkeit notwendigerweise vorhandene Möglichkeit der Diversifikation. Bei einer Pandemie fehlt diese: Sie tritt praktisch zur gleichen Zeit und per Definition global auf. Dadurch wird eine echte Diversifizierung nahezu unmöglich.

Prävention lohnt sich, weil solche Massnahmen ein äusserst attraktives Aufwand-Nutzen-Verhältnis umfassen können.

Viele Versicherer engagieren sich aktiv im Bereich der Elementarschadenprävention. Warum sind diese Bemühungen sinnvoll und wichtig?

Prävention lohnt sich, weil solche Massnahmen ein äusserst attraktives Aufwand-Nutzen-Verhältnis umfassen können. Der «eingesparte» Schaden ist über die Zeit oft viel grösser als der für die Prävention erforderliche Aufwand. Diese Erkenntnis ist heute zum Glück weit verbreitet.
 

Können Sie konkrete Beispiele nennen, die aufzeigen, weshalb sich Prävention lohnt?

Ein aktuelles Beispiel hierfür findet sich im Kanton Uri. Nachdem zwei verheerende Unwetter in den Sommern 1987 und 2005 jeweils weite Teile der Reussebene unter Wasser gesetzt hatten, wurden in der Region umfassende Hochwasserschutzmassnahmen implementiert. Im Oktober 2020 kam es in der gleichen Region zu Niederschlagsmengen vergleichbar mit jenen von 1987. Statt die Ebene zu überfluten, konnte die Reuss absichtlich und kontrolliert über die Autobahn A2 gelenkt werden. Dank zahlreicher aufeinander abgestimmter Schutzmassnahmen konnten grössere Schäden verhindert werden.
 

Funktioniert Prävention auch im Kleinen?

Absolut! Jeder, der ein Einfamilienhaus besitzt, kann auf seinem Grundstück oder am Gebäude Vorkehrungen treffen, um zum Beispiel das Eindringen von Wasser zu verhindern. Die Rechnung ist dabei immer dieselbe: Man investiert heute etwas, um morgen zu profitieren. Präventionsmassnahmen verringern damit auch die Versicherungskosten. Und das kommt letztlich allen zugute.

Der SVV bietet dem Elementarschadenpool ein ideales Zuhause. Das Modell ist damit ein gutes Beispiel für eine brancheninterne Zusammenarbeit.

Eine Lösung wie die Elementarschadenversicherung kann nicht von einer Gesellschaft allein angeboten werden. Welche Rolle übernimmt der Schweizerische Versicherungsverband SVV hierbei?

Der SVV bietet dem Elementarschadenpool ein ideales Zuhause. Das Modell ist damit ein gutes Beispiel für eine brancheninterne Zusammenarbeit. Der Elementarschadenpool basiert auf der Mitarbeit der gesamten Industrie und kann nur dadurch eine attraktive und effiziente Lösung anbieten, von der alle profitieren. Die Anliegen der Industrie müssen bekannt sein und gebündelt werden. Der SVV bietet dazu per Definition die erforderliche Infrastruktur und die nötige Akzeptanz.
 

Gibt es weitere Beispiele, an welchen die Bedeutung von Verbänden, wie auch der SVV einer ist, ersichtlich wird?

Ein Beispiel ist das eben besprochene Bedürfnis, im Rahmen einer Risikopartnerschaft eine Pandemielösung zu finden. Es braucht auch einen Ansprechpartner und eine Stimme der Industrie, um den Standort Schweiz für die Versicherungsindustrie attraktiv zu halten. Zudem braucht es den Verband, um den Wunsch und das Bedürfnis nach einer nachhaltigen Finanzindustrie auf eine für die Versicherungswirtschaft sinnvolle Art umzusetzen. Verbände übernehmen somit nicht nur Vermittlungsaufgaben, sie tragen bei konkreten Sachaufgaben auch massgeblich zur konkreten Lösungsfindung bei.

Zur Person:

Eduard Held ist seit dem 1. Januar 2021 Geschäftsführer des Elementarschadenpools. Im Schweizerischen Versicherungsverband SVV trägt er zudem die Verantwortung für das Rückversicherungsgeschäft. Der promovierte Mathematiker ETH verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der internationalen Rückversicherungsbranche.

Weltweit einzigartig: die Elementarschadenversicherung

Naturkatastrophen können zu enorm grossen Schäden führen. Sie lassen sich nur dann zu angemessenen Prämien versichern, wenn sich sowohl die Versicherten als auch die Versicherer solidarisch verhalten und das Risiko gemeinsam tragen. Das Konzept der Elementarschadenversicherung beruht daher auf einer doppelten Solidarität, bei der die Versicherer und die Versicherten das Risiko von Naturgefahren gemeinsam tragen.

Dank dem 1936 gegründeten Elementarschadenpool ist es möglich, Elementarschäden mit einer für alle Versicherungsnehmer tragbaren Einheitsprämie zu versichern. Das weltweit einzigartige Solidaritätswerk umfasst insgesamt neun Elementargefahren – darunter Überschwemmungen, Lawinen, Steinschlag und Hagel. Zwischen 1970 und 2019 übernahmen die im Elementarschadenpool zusammengeschlossenen Privatversicherer Sachschäden in der Höhe von 6,5 Milliarden Franken.