Wie Rück­ver­si­che­run­gen funk­tio­nie­ren

Listicle04. Mai 2020

Sie sind auf der ganzen Welt tätig – und in der breiten Öffentlichkeit trotzdem weitgehend unbekannt: Rückversicherungen. Wie genau funktioniert das Geschäftsmodell von Swiss Re und Co.? Und weshalb kommen auch die «Versicherer der Versicherungen» bei der Coronakrise an ihre Grenzen? Nachfolgend die wichtigsten Antworten zum Thema. 

1. Was machen Rückversicherungen genau?

Rückversicherungen versichern Versicherungen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf der globalen Risikoverteilung. Hauptziel der Reassekuranz-Unternehmen ist es somit, lokale Risiken auf dem globalen Finanzmarkt abzusichern und zu verteilen. Rückversicherungen unterstützen Erstversicherer, indem sie einen Teil ihrer Schadenlast übernehmen und so zur Stabilisierung deren Ergebnisse beitragen. Darüber hinaus stehen sie Unternehmen und Staaten beratend zur Seite und unterstützen diese, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen. Rückversicherungen haben grundsätzlich keinen direkten Kontakt zu versicherten Personen oder Unternehmen. Deshalb sind sie – mit Ausnahme der Swiss Re – in der Schweiz weitgehend unbekannt.

2. Wo haben Rückversicherungen ihren Ursprung?

Grosse Katastrophen stehen am Ursprung des Konzepts. Die Zerstörung von Ortschaften durch Feuer im 19. Jahrhundert weckten das Bedürfnis nach einer grösseren Absicherung. So war der Grossbrand von Hamburg im Jahr 1842, der innert Tagen grosse Teile der Altstadt zerstörte, mit ein Auslöser für die Gründung der Kölnischen Rück nur vier Jahre später. Auch die Schweizer Rück, die heutige Swiss Re, wurde im Jahr 1863 gegründet, nachdem in Glarus zwei Jahre vorher ein Grossbrand gewütet hatte.

3. Können über Rückversicherungen sämtliche Risiken versichert werden? 

Grundsätzlich können Rückversicherungen alle Schäden versichern, die auch von Erstversicherungen in ihrem Portfolio angeboten werden. Dennoch gibt es Risiken, die von Erst- wie auch Rückversicherungen abgelehnt werden. Dabei handelt es sich meist um besonders grosse Gefahren, bei denen klar ist, dass der erwartete Schaden gross ausfallen wird und kaum zu verhindern ist. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Asbest: Schäden, die darauf zurückzuführen sind, sind in der Schweiz fast immer von der Deckung ausgeschlossen. Auch Nuklearrisiken lassen sich kaum versichern.  

4. Welchen Einfluss hat die Coronakrise auf die Rückversicherungen? 

Die durch die Covid-19-Pandemie verursachte Wirtschaftskrise trifft die Rückversicherer vor allem im Bereich der Anlagenperformance – dies aufgrund der weltweit fallenden Aktienkurse. Die vollständigen Auswirkungen auf die Versicherer und Rückversicherer sind aktuell noch nicht bezifferbar. Die schnelle Verbreitung des Coronavirus setzt temporär ganze Wirtschaftszweige ausser Gefecht, was sich natürlich auch auf die Versicherungen auswirkt. Im Klartext: Wenn Unternehmen weniger Umsatz machen oder gar Konkurs gehen, schrumpft dadurch auch der Versicherungsmarkt – und das wiederum wirkt sich auch auf die Rückversicherungen aus.

5. 1936 haben die Schweizer Sachversicherer einen Elementarschadenpool eingeführt, von dem die ganze Bevölkerung profitiert. Weshalb gibt es keinen Pandemiepool? 

Tatsächlich sind dank des Elementarschadenpools die meisten Gebäude und Fahrhabe in der Schweiz gegen Elementarschäden versichert. Im Gegensatz dazu ist kaum jemand gegen eine Pandemie versichert. Das Problem liegt im fehlenden Risikoausgleich: Naturkatastrophen können von den Versicherungen abgefedert werden, weil diese immer nur in bestimmten Regionen auftreten. Eine Pandemie hingegen trifft alle Kundensegmente – und zwar gleichzeitig und weltweit. Solche Extremereignisse lassen sich nicht global diversifizieren. Trotzdem werden aktuell in vielen Ländern Diskussionen geführt, wie die aktuelle Pandemie versicherungstechnisch bewältigt werden könnte. Die passende Lösung liegt leider noch nicht vor. 

6. Rückversicherungen beschäftigen sich mit sogenannten «Emerging Risks». Was hat es damit auf sich? 

Emerging Risks sind neuartige, zukunftsbezogene Risiken, die sich dynamisch entwickeln. Sie sind – wenn überhaupt – nur bedingt erkennbar und kaum monetär bewertbar. Dazu gehören zum Beispiel Cyberrisiken, Pandemien, die Nanotechnologie, das «Internet of Things» oder der Klimawandel. Die Rückversicherungen investieren auf der ganzen Welt viel Zeit, Geld und Ressourcen, um sich möglichst frühzeitig mit solchen Emerging Risks auseinanderzusetzen. Je besser dies gelingt, desto eher lassen sich die damit verbundenen Gefahren vermeiden oder wenigstens begrenzen.

7. Welches sind für die Rückversicherungen die Herausforderungen der Zukunft?

Die Globalisierung und die rasant voranschreitende Digitalisierung sorgen dafür, dass unsere Welt immer vernetzter wird. Diese gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen und die dadurch entstehenden Folgen werden von den Rückversicherern aktiv verfolgt. Gleichzeitig wird es immer anspruchsvoller und komplexer, frühzeitig Schadenpotenziale zu erkennen. Dies liegt auch daran, dass wir es immer öfters mit immateriellen Risiken zu tun haben. Gefahren, die zum Beispiel im Zusammenhang mit Big Data oder künstlicher Intelligenz entstehen, sind viel schwieriger zu verstehen als ein Feuer oder ein Sturm. Bei Rückversicherern arbeiten deshalb Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen: Mediziner, Meteorologen, Ingenieure, IT-Experten, Biologen und noch viele mehr. Sie sind ständig damit beschäftigt, das Risikopotenzial ihres Gebietes zu erforschen, um möglichst vorausschauend darauf reagieren zu können.