Ha­gel ist mess­tech­nisch schwer zu er­fas­sen

Interview11. Mai 2021

Die Schweiz gehört zu den hagelgefährdetsten Gebieten Europas. Pascal Forrer, Direktor der Schweizer Hagel, erläutert die Bedeutung der Hagelgefahrenkarte und welche Rolle neue Technologien im Risikomanagement spielen.

Herr Forrer, wie haben sich Hagel-Schadenfälle in den vergangenen Jahren verändert?

Hagel verursacht jährlich Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen von durchschnittlich 65 Millionen Franken. Im Jahr 2004 waren es rund 130 Millionen Franken, im Jahr 2009 rund 180 Millionen Franken und im Jahr 2013 110 Millionen Franken. Es ist alle paar Jahre mit einem Extremhagelereignis zu rechnen (mehrere Hagelsysteme formieren sich zu einem Sturmsystem bzw. einer Hagelfront mit sehr grossem Schadenpotenzial). Der Effekt der Klimaerwärmung auf das Hagelrisiko wurde noch wenig untersucht. Ein Anstieg der Temperaturen und eine höhere Feuchtigkeit in der unteren Atmosphäre könnten jedoch das Entstehen schwerer Gewitter begünstigen.

Pascal Forrer

Verspricht sich durch die neue Generation von Radardaten und Referenzmessungen eine Verbesserung der Grundlagen zur Risikobewertung und -analyse: Pascal Forrer, der Direktor der Schweizer Hagel.

Welchen Einfluss haben neue Technologien auf das Risikomanagement?

Die Landwirtschaft mit ihrer Werkstatt unter dem freien Himmel wird durch die stark zunehmenden Wetterextreme gefordert. Ein umfassendes Risikomanagement ist daher unabdingbar. Hier können insbesondere neue Technologien unterstützend beigezogen werden. Die Schweizer Hagel bietet z.B. mit dem SwissAgroIndex eine wichtige Orientierungs- und Entscheidungshilfe für ihre Versicherten an. Der SwissAgroIndex gibt Auskunft über Frost- resp. Hitzetage und die Wasserbilanz verschiedener Ackerkulturen und zeigt an, wenn ein Trockenheitsschaden vorliegen könnte. Es ist uns ein grosses Anliegen, den Versicherten wichtige Entscheidungshilfen zur Verfügung zu stellen, um ihnen das Risikomanagement zu erleichtern.

«Für die Erstellung der neuen Hagelkarte wurden die Messungen von 40'000 Hagelereignissen aus dem Radarmessnetz ausgewertet.»

Was bedeutet die neue Hagelgefahrenkarte für Ihre Arbeit?

Hagel ist überwiegend ein kleinräumiges Wetterphänomen und messtechnisch schwer zu erfassen, was es zu einer besonders herausfordernden Naturgefahr macht. Für die Erstellung der neuen Hagelkarte wurden die Messungen von 40'000 Hagelereignissen aus dem Radarmessnetz ausgewertet. Zudem wurden die Hagelmeldungen aus der App der MeteoSchweiz und einem Messnetz von 80 automatischen Hagelsensoren eingesetzt. Die neue Generation von Radardaten und Referenzmessungen versprechen eine erhebliche Verbesserung der bisherigen Grundlagen zur Risikobewertung und -analyse.

Wie war die Schweizer Hagel an der Erarbeitung beteiligt?

Seit der Gründung der Schweizer Hagel im Jahr 1880 wurde einer sorgfältig geführten Hagelstatistik grosse Aufmerksamkeit geschenkt. So wurde die Anzahl der gemeldeten Hagelschäden in der Landwirtschaft pro Gemeinde von Anfang an statistisch erfasst. Diese Datenbasis und die langjährige Erfahrung seitens der Schweizer Hagel waren für die Plausibilisierung der neuen Hagelklimatologien des Projekts Hagelklima Schweiz wesentlich (Hagelradarmessungen werden erst seit 1980 systematisch in der Schweiz durchgeführt).

Sie versichern die Landwirtschaft und bezeichnen sich als Selbsthilfeorganisation. Wie tauschen Sie sich mit der Landwirtschaft aus?

Die Schweizer Hagel ist seit ihrer Gründung im Jahr 1880 genossenschaftlich organisiert, d.h. Mitglied der Gesellschaft sind die Bäuerinnen und Bauern, welche bei ihr einen Versicherungsvertrag abschliessen. Alle Agentinnen, Agenten, Expertinnen, Experten und Inspektoren kommen aus der Landwirtschaft. Damit sind der Austausch und der Bezug zu den Produzentinnen und Produzenten gewährleistet.

Neuen Technologien werden entwickelt und mehr Informationen werden zukünftig zur Verfügung stehen. Was bedeutet dies für die Präventionsarbeit?

Der Blick in die Zukunft zeigt, dass neue Technologien (Satelliten, Radar, Drohnen, Georeferenzierung, Blockchain, Big Data, künstliche Intelligenz, etc.) Effizienzsteigerungen wie auch wertvolle Instrumente für die Präventionsarbeit darstellen werden. Diese Hilfsmittel sind für ein immer besseres Risikomanagement unentbehrlich und können Risiken noch genauer kalkulierbar machen. Die mit der Klimaerwärmung zunehmenden Extremwettereignisse verlangen neue Technologien. Aber auch eine Anpassung von Seiten der Landwirtschaft und der Versicherungswirtschaft an die veränderten Rahmenbedingungen ist notwendig.

«Als Gebirgsland gehört die Schweiz zu den hagelgefährdetsten Gebieten dieses Kontinents.»

Die Schweizer Hagel wurde 1880 gegründet: Was war der Auslöser?

Die Landwirtschaft ist den Einflüssen der Natur mehr als jeder andere Wirtschaftszweig ausgesetzt, insbesondere auch dem Hagel. Als Gebirgsland gehört die Schweiz zu den hagelgefährdetsten Gebieten dieses Kontinents. Unterstützt durch den Wandel von der Natural- zur Geldwirtschaft und dem Willen der Landwirtschaft, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wurden im 19. Jahrhundert in Europa die ersten Hagelversicherungen gegründet. Diese beruhen auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit und betreiben die Kulturenversicherung als gemeinnützige Aufgabe.

 

Weitere Informationen:

Hagelgefährdungskarte auf dem Geoportal des Bundes