Das Fo­rum Ro­mand im Zei­chen ei­ner neu be­kräf­tig­ten So­li­da­ri­tät

Kontext16. November 2021

Das Treffen der Westschweizer Versicherer in Lausanne, das wie so viele andere aufgrund der Pandemie um ein Jahr verschoben wurde, bot die Gelegenheit, die Probleme, Risiken und Stärken der Versicherungsbranche zu beleuchten und sich dem Vergnügen hinzugeben, wieder zusammenzukommen.

«Welch eine Freude, wieder beisammen zu sein!» Die ersten Worte von Thomas Helbling, Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV, schienen direkt seinem Herzen zu entspringen. Am Donnerstag, 4. November, konnte der SVV in den Räumlichkeiten des Hotels Beau-Rivage Palace in Lausanne endlich sein Forum Romand abhalten – ein Jahr nachdem er es aufgrund von Covid-19 hatte absagen müssen. Wie dies der CEO der Vaudoise, Jean-Daniel Laffely, in seiner Rede erläutert hatte, handelt es sich beim besagten Virus um ein «nicht versicherbares» Risiko. Es ist auf jeden Fall ein Risiko, das unseren Sinn für Solidarität auf eine harte Probe gestellt hat. Dieser Grundgedanke zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussionsrunden, die von der Journalistin Nathalie Randin moderiert wurden und bei denen es um Naturkatastrophen, das Gleichgewicht des Schweizer Rentensystems, Gerechtigkeit und Verantwortung in einer Welt ging, die gleichzeitig gut vernetzt und gespalten ist. Vier wichtige Punkte sind zu beachten.

Jean-Daniel Laffely, Vorstandsmitglied des SVV.

1. Die Lehren aus grossen Risiken

Jean-Daniel Laffely stützt sich auf mehr als sechs Jahrhunderte Geschichte, um an den Ursprung des Konzepts der Versicherung zu erinnern. Er nennt die drei Säulen, auf denen die Solidarität beruht, die das reibungslose Funktionieren der Versicherung ausmacht: die Versicherten mit den Beiträgen, die sie einzahlen, der Staat durch den von ihm festgelegten Rechts- und Regulierungsrahmen und die Versicherer und Rückversicherer durch die Bündelung und Verteilung der von ihnen verwalteten Mittel.

Dieses Gleichgewicht ist umso wichtiger, wenn grosse Risiken auftreten, wie dies bei Naturkatastrophen der Fall ist, die das Land geprägt haben (z. B. in der Ortschaft Brig, die 1993 von den Geröllmassen der reissenden Flüsse schwer getroffen wurde). Der Versicherungspool «GUSTAVO» (ein Akronym, das alle Kantone vereint, die über kein kantonales Versicherungsinstitut verfügen) ist ein gutes Beispiel für Solidarität, bei dem jeder Privatversicherer entsprechend seinem Marktanteil einen Beitrag leistet.

«Dieser Pool wird in den kommenden Jahren angesichts der Folgen der globalen Erderwärmung sicherlich auf eine Belastungsprobe gestellt werden», sagt der CEO der Vaudoise. Zudem sollte man folgende grosse Risiken im Auge behalten: die nächste Pandemie, die sich von der jetzigen zwangsläufig unterscheiden wird, oder ein eventueller Blackout oder Strommangel mit unvorhersehbaren wirtschaftlichen Folgen. Und was ist mit den Erdbeben? Ein kürzlich vom Parlament verabschiedeter Antrag lässt die Privatversicherer verblüfft zurück: «Dieses Projekt, das keine Versicherungsprämien vorsieht und im Schadensfall die gesamte Rechnung den Eigentümern aufbürden will, muss von Politik und Versicherern dringend neu durchdiskutiert werden», so die Einschätzung von Jean-Daniel Laffely.

Jérôme Cosandey, Direktor von Avenir Suisse.

2. Neudefinition des Begriffs Solidarität und die Zeit nach der Krise

Erlebt unser Sozialversicherungssystem eine Solidaritätskrise? Jérôme Cosandey, Direktor von Avenir Suisse in der Westschweiz, antwortet auf diese Frage differenziert. Am Beispiel der Coronavirus-Krise analysiert er, wie die verschiedenen Säulen unseres sozialen Sicherheitsnetzes reagiert haben. Drei Dinge sind klar:

  • Die Sozialversicherungen setzen zu sehr auf eine Karte, nämlich auf die Beiträge. Infolgedessen kommt es während einer grossen Krise wie der Covid-19-Pandemie zu einer vollständigen Wechselbeziehung mit dem BIP, und die Einnahmen gehen zurück.
  • Durch die Kurzarbeit (KA) hat die Arbeitslosenversicherung die Rolle eines Brandbekämpfers übernommen. Und zwar mit Erfolg. Die Arbeitslosenrate blieb mit 3,3 % sehr niedrig, während sie ohne diese Massnahmen auf 5,5 % angestiegen wäre. Das bedeutet, dass 120’000 Arbeitsplätze gerettet wurden.
  • Die sozialpolitischen Massnahmen zur Eindämmung der Auswirkungen von Covid-19 haben die Solidarität neu definiert. So wurden Leistungen für Selbstständige zur Verfügung gestellt  und gleichzeitig die Mobilität der Arbeitnehmer verringert und den Arbeitgebern weniger Anreize für Neueinstellungen geboten.

All dies veranlasst Jérôme Cosandey zur Aussage, dass die Zeit nach der Krise genauso kritisch sein wird wie die Krise selbst: «Die Rückkehr zur Normalität wird schrittweise erfolgen müssen. Ist das Parlament bereit, diese Bewegung zu begleiten und mitzugestalten, oder wird es versucht sein, sich bei den Wählern einzuschmeicheln und ihnen notwendige, aber zwangsläufig unpopuläre Massnahmen zu ersparen?»

Claudine Amstein, Direktorin der Waadtländer Industrie- und Handelskammer.

3. Die Gesellschaft als Archipel

Das Bild stammt von Claudine Amstein, Direktorin der Waadtländer Industrie- und Handelskammer: Unsere Gesellschaft ist dabei, sich aufzusplittern und entwickelt sich zu einer Kette von Inseln, die sich gegenseitig aus den Augen verlieren und vergessen, dass sie im selben Meer liegen. «Der Einzelne erkennt die versicherungstechnische Solidarität nicht. Die Covid-Krise hat grundlegende Tendenzen aufgezeigt: Nach den ersten Momenten des Schocks und der starken Solidarität begab sich jeder auf die Suche nach ‹seiner› Solidarität, die er auch finden wollte, und nach seinem eigenen Schutz. Wie können wir dieser Spirale wieder entkommen? Indem wir als logische Konsequenz den Begriff Verantwortung durch den Begriff Solidarität ersetzen», sagt Claudine Amstein in Lausanne.

4. Solidarität durch Nachhaltigkeit

«Damit sich eine verantwortungsbewusste Solidarität durchsetzen kann, müssen sich die Verhaltensweisen ändern.» Diese Worte stammen nicht von einem Klimaaktivisten, sondern von Jérôme Cosandey. Mit Aussagen, die für einen Liberalen überraschend sein mögen, die aber absolut klar sind, fährt er fort: «Externe Kosten müssen internalisiert werden, d. h. die Klimakosten müssen abgewälzt werden, und es ist die Aufgabe des Staates, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.» Sind Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien eine Modeerscheinung? Jean-Daniel Laffely widerspricht dieser Auffassung: In der Vermögensverwaltung hat sich eine regelrechte Bewegung entwickelt, die sich an den Kriterien für verantwortungsbewusstes Investment orientiert. «Die kollektive Bewegung ist bereits im Gange. Allerdings muss sie in den Unternehmen durch Impulsgeber aktiviert werden, was in unserem Unternehmen durch unseren Chief Investment Officer geschieht.»

Und um uns daran zu erinnern, dass das «S» (social) in ESG genauso wichtig ist, denke man an das beste Beispiel: unser Rentensystem, das seit zwei Jahrzehnten reformiert werden soll. Diese Nabelschau muss durch ein angemessenes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Bereichen ersetzt werden. «Die Vorsorge für junge und ältere Menschen ist auch eine Frage der Nachhaltigkeit, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, künftigen Generationen mehr Schulden als Leistungen zu hinterlassen», betont Jean-Daniel Laffely.