Keine Freiheit ohne Sicherheit

Interview15. Juni 2018

Sicherheit und Freiheit sind für die Menschen in der Schweiz eng miteinander verbunden. Im Auftrag des SVV hat die Forschungsstelle Sotomo 10’401 Personen in der Schweiz zu ihren Sicherheitseinschätzungen befragt. Dr. Michael Hermann ist Geschäftsführer der Forschungsstelle Sotomo. Im Interview fasst er die wichtigsten Ergebnisse des «SVV Sicherheitsmonitors» zusammen.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem «SVV Sicherheitsmonitor»?

Die Studie macht ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung der Schweiz sichtbar. Ausser im Strassenverkehr sind die wenigsten schon Risiken eingegangen, die sie im Nachhinein als «unvernünftig» anschauen. Besonders in finanziellen Belangen und auch bei Versicherungen gehen die meisten auf Nummer sicher. Als technische Massnahme zur Erhöhung der Sicherheit im Strassenverkehr eignen sich aus Sicht einer relativen Mehrheit Fahrassistenzsysteme für Autos, nicht jedoch selbstfahrende Autos. Auch im Finanzsektor sehen die Befragten eher mehr Unsicherheit auf sie zukommen. Dies gilt insbesondere für Kryptowährungen wie Bitcoin.

Daneben zeigt sich aber auch eine verbreitete Wertschätzung persönlicher Freiheit und Eigenverantwortung. So gibt es trotz verbreitetem Sicherheitsbedürfnis keine Mehrheit für eine polizeiliche Onlineüberwachung ohne konkreten Tatverdacht. Die überwiegende Mehrheit ist der Meinung, dass auch sehr gefährliche Risikosportarten wie Base-Jumping nicht verboten werden sollen, dass jedoch Personen, die sich bewusst Risiken aussetzen, daraus resultierende Kosten jedoch zumindest teilweise selber tragen sollen.

Dr. Michael Hermann

Dr. Michael Hermann ist Geschäftsführer der Forschungsstelle Sotomo.

Was hat Sie persönlich überrascht?

Am meisten überrascht hat mich, dass in diesem Kontext der ausgeprägten Eigenverantwortung, dass 65 Prozent der Befragten die Einführung einer Helmpflicht beim Velofahren unterstützen. Offenbar wird hier der Eingriff in die persönliche Freiheit als weniger gravierend angesehen. Der Trend zu Schutz- und Sicherheitsausrüstungen scheint hier von der Bevölkerung voll und ganz mitgetragen zu werden.

Bemerkenswert fand ich ausserdem, dass Frauen und Personen, die politisch rechts stehen, am meisten Unsicherheit wahrnehmen. Für beide sind «Bewegungsfreiheit» und das «Freisein von Angst» zentrale Aspekte nicht nur von Sicherheit, sondern auch von Freiheit. Während bei Frauen jedoch die Gefahr eines Übergriffs im Vordergrund steht, geht es bei politisch Rechtsstehenden eher um das Fremde, das Unsicherheit auslöst.

Die Schweizer Bevölkerung macht sich Sorgen um die Altersvorsorge. Was zeigt der «SVV Sicherheitsmonitor» zu diesem Thema?

Tatsächlich sehen nur 36 Prozent heute ihr Sicherheitsbedürfnis bezüglich Altersvorsorge befriedigt. Drei Viertel gehen davon aus, dass in Zukunft weniger Geld für die AHV-Renten zur Verfügung stehen wird. Die Sicherheitsorientierung zeigt sich auch darin, dass nur eine Minderheit für sich selber einen einmaligen Kapitalbezug des Pensionskassenguthabens wünscht. Gleichzeitig stellt sich jedoch eine klare Mehrheit gegen die Abschaffung der Wahlfreiheit zwischen der Auszahlung als monatliche Rente und dem Kapitalbezug. Auch in diesem Bereich zeigt sich also eine Mischung zwischen ausgeprägter Sicherheitsorientierung und der Bejahung von Eigenverantwortung. Es dürfte kein Zufall sein, dass die von den Befragten selber vorgenommenen Definitionen von «Sicherheit» und «Freiheit» oft sehr nahe beieinanderliegen.