Solvenztest: SVV gegen Benachteiligung von Schweizer Versicherungsunternehmen

Position13. Oktober 2017

Der SVV befürwortet eine risikobasierte Aufsicht. Er kritisiert jedoch die überhöhten Kapitalanforderungen des Schweizer Solvenztests SST. Sie liegen höher als in der EU und benachteiligen Schweizer Konzerne mit Töchtern in der EU. Und sie haben auch erhebliche volkswirtschaftliche Folgen: Garantieleistungen und Risikoabsicherungen werden so teuer, dass sie kaum noch angeboten werden können.

Die zu hohen Solvenzanforderungen des SST benachteiligen Schweizer Versicherungsgesellschaften

In der EU müssen Versicherungsgesellschaften die Anforderungen der Richtlinie Solvabilität II erfüllen. Diese sieht besondere Publikationspflichten und Vorschriften für die Eigenmittelausstattung vor. Die hiesige Entsprechung zu Solvabilität II ist der Schweizer Solvenztest SST. Im Herbst 2015 anerkannte die EU die Gleichwertigkeit der Regelwerke Solvabilität II und SST. In einem wichtigen Punkt sind die Bestimmungen aber nicht identisch: bei den Kapitalanforderungen. Schweizer Versicherungsgesellschaften müssen 1,5 bis 2 Mal soviel Kapital halten wie ihre Mitbewerber im EU-Raum. Das benachteiligt Schweizer Konzerne mit Töchtern in der EU massiv. 

Garantieleistungen und Risikoabsicherungen lassen sich so kaum mehr finanzieren – das hat erhebliche volkswirtschaftliche Folgen

Die zu hohen Kapitalanforderungen führen auch dazu, dass Garantieleistungen und Risikoabsicherungen für Schweizer Versicherer – insbesondere für die Lebensversicherer – zu teuer werden und deshalb nicht mehr oder nur noch eingeschränkt angeboten werden können. Wer den entsprechenden Risiken ausgesetzt ist, kann sich nicht mehr absichern oder die Risiken werden auf den Staat abgewälzt. Das steht in krassem Widerspruch zur bisherigen und in der Gesellschaft breit abgestützten Ausgestaltung der beruflichen und privaten Vorsorge.

Die Finma hat sich bereit erklärt, Anpassungen zu prüfen

Die Finanzmarktaufsicht Finma will nun prüfen, ob die im SST festgelegten Kapitalanforderungen jenen von Solvabilität II angeglichen werden können. Damit zeigt sie Gehör für ein seit langem vorgebrachtes Anliegen der Versicherungsbranche: Die Finma soll ihren technischen Ermessenspielraum ausnützen.

Fünf Hauptpunkte müssen angepasst werden

Die Versicherungsbranche fordert im Wesentlichen in fünf Bereichen Anpassungen. Können diese nicht im Rahmen des Ermessungsspielraums der Finma erfolgen, müssen die rechtlichen Bestimmungen angepasst werden – namentlich die Arbeitsverordnung AVO.

  • Zinskurve: Das Konzept der Extrapolation der Zinskurve im illiquiden Bereich – also ab etwa 10 bis 15 Jahren –  zu einem Langfristzinssatz soll in die Rechtsetzung aufgenommen werden.
  • Mindestbetrag: Der Mindestbetrag ist ökonomisch ein Teil der Versicherungsverpflichtungen, daher soll er – analog zu Solvabilität II – vom risikotragenden Kapital abgezogen und nicht zum Zielkapital addiert werden.
  • Sicherheitsniveau: Das Sicherheitsniveau des SST soll jenem von Solvabilität II angepasst werden. Mit dem Risikomass Expected Shortfall und einem Konfidenzniveau von 99 % ist das Sicherheitsniveau des SST heute höher als jenes von Solvabilität II; dort gilt das Risikomass Value-at-Risk und ein Konfidenzniveau von 99,5 %. 
  • Bewertung der Markt- und Kreditrisiken: Die Diversifikation zwischen den Markt- und Kreditrisiken muss berücksichtigt werden. Die Doppelzählung von Risiken im Markt- und Kreditrisiko gehört eliminiert.
  • Geschäftsmodelle: Langfristige Verfassungsziele der Altersvorsorge in der Schweiz sowie die Vorgaben des Bundesrats müssen berücksichtigt werden. Die zweite und dritte Säule dürfen nicht wie kurzfristige Umlagemodelle behandelt werden.

Der SVV hat zu allen Punkten Vorschläge für Anpassungen der AVO formuliert.