Geldpolitik: Herausforderung für Schweizer Versicherungsunternehmen

Fokus22. Mai 2018

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses und die Senkung der Zinsen durch die Schweizerische Nationalbank haben die Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaft stark verändert. Die Versicherungsbranche erweist sich aber auch unter den aktuellen Bedingungen als äusserst robust.

Im Januar 2015 hob die Schweizerische Nationalbank SNB den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro auf. Zugleich senkte sie den Zins für Guthaben auf Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, um 0,5 Prozentpunkte auf minus 0,75 Prozent. Das Zielband für den Dreimonats-Libor verschob sie auf minus 1,25 Prozent bis minus 0,25 Prozent. Seither hält sie an den negativen Zinsen fest, um den Kurs des Schweizer Frankens zu halten.

Versicherte Werte und Leistungen sind nicht gefährdet

Die versicherten Werte und Leistungen sind durch die aktuelle Zinspolitik der SNB nicht gefährdet. Gerade jetzt zeigt sich, wie wertvoll die einmaligen Garantien im Vollversicherungsmodell der beruflichen Vorsorge, aber auch bei Einzelleben-Policen für die Kundinnen und Kunden sind. Die Renditen auf bestehenden Lebensversicherungsprodukten bleiben allerdings weiter auf niedrigem Niveau. Und bei neuen Verträgen in der Lebensversicherung können die Versicherten derzeit bestenfalls mit einer marginalen Verzinsung ihres Kapitals rechnen.

Schweizerische Privatassekuranz ist gesund

Die Unternehmen der schweizerischen Privatassekuranz sind wirtschaftlich gesund. Sie verfügen über genügend Reserven, um auch unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen den vertraglich garantierten Leistungen nachzukommen.

Professionelles Risikomanagement hat sich bewährt

Das professionelle Risikomanagement ist Teil des Kerngeschäfts der Versicherungsbranche. Die Vermögenswerte der Versicherer sind auf deren Verpflichtungen abgestimmt, und es ist genügend Eigenkapital vorhanden. Die Anlagen sind breit diversifiziert, und Fremdwährungsrisiken sind in der Regel abgesichert. «Aktien und ähnliche Anlagen» machten Ende 2016 nur gerade drei Prozent der Kapitalanlagen der Versicherer aus. Die geltende Regulierung hat sich bewährt.

Regulierung und Aufsicht müssen verhältnismässig sein

Die stabile Situation der Versicherungsbranche im schwierigen Umfeld zeigt: Es braucht keine Verschärfungen bei der Aufsicht oder zusätzliche Auflagen. Gerade jetzt bilden unternehmerische Freiheit und Freiraum die Voraussetzungen dafür, dass die Versicherungsgesellschaften die Herausforderungen langfristig bewältigen können. Regulierung und Aufsicht haben in den letzten Jahren aber massiv zugenommen, was auch die Kosten für die Unternehmen in die Höhe trieb. Eine überbordende Regulierung kann die Versicherungsbranche auf Dauer gefährden. Die Kapitalanforderungen in der Lebensversicherung sind in der Schweiz weit höher als zum Beispiel in der EU, was hiesige Unternehmen gegenüber ihren europäischen Mitbewerbern benachteiligt. Die regulierungs- und aufsichtsbedingten Kosten haben in den letzten Jahren massiv zugenommen.

Herausforderung durch anhaltend tiefe Zinsen

Die anhaltende Phase der Tief- und Negativzinsen macht es für die Versicherer schwierig, mit risikoarmen Anlagen die notwendigen Erträge zu erwirtschaften. Die Renditeerwartungen müssen daher noch weiter nach unten korrigiert werden; auch der auf 1 Prozent reduzierte BVG-Mindestzinssatz für 2017 ist aufgrund des Zinsumfelds noch immer zu hoch. Die Versicherer fordern deshalb eine weitergehende Reduktion. Bleibt der Mindestzinssatz auf zu hohem Niveau, könnten die Versicherer gezwungen sein, auf das Anbieten klassischer Lebensversicherungen zu verzichten.

Wachstum der Versicherungen wird gebremst

Das Tiefzinsniveau wirkt sich vor allem auf die Entwicklung des Lebengeschäfts aus – mit Konsequenzen für das Wachstum der gesamten Branche.

  • Die Nachfrage nach Vollversicherungen in der beruflichen Vorsorge bleibt hoch. Vollversicherungen reduzieren das Risiko für die versicherten Arbeitnehmenden und für die Arbeitgeber, was in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein grosser Vorteil ist; allerdings sind Vollversicherungen recht kostspielig. Das Tiefzinsumfeld, die demographische Entwicklung und die hohen Kapitalanforderungen an die Versicherer führen dazu, dass das Angebot an Versicherungslösungen in der beruflichen Vorsorge kleiner geworden ist. Dies führte 2016 zu einem Rückgang der Prämieneinnahmen, der auch 2017 anhält.
  • Die Risikoversicherung in der Einzel-Lebensversicherung bleibt attraktiv. Sie kann in schwierigen Zeiten erhöhte Sicherheit für die versicherte Person, deren Partner und Familien bieten. Die Nachfrage nach Einzel-Kapitalversicherungen und Einzel-Rentenversicherungen dürfte angesichts der tiefen Renditen bescheiden bleiben.
  • Die Prämieneinnahmen bei der Schadenversicherung hängen von der wirtschaftlichen Entwicklung und vom Wohlstand der Gesellschaft, aber auch von den Preisen für Häuser und Güter ab. Sie dürften weiterhin kontinuierlich steigen.
  • Die Rückversicherung konnte sich in den letzten Jahren in der Schweiz erfolgreich entwickeln. Dieses grenzüberschreitende Geschäft ist weniger von der Geldpolitik der SNB betroffen als jenes der Erstversicherer; dafür ist es stärker globalen Trends und Entwicklungen in der Finanzwirtschaft ausgesetzt.

Die Versicherungsgesellschaften arbeiten weiter an ihrer Effizienz und optimieren ihre internen Abläufe. Auch der technologische Wandel führt laufend zu Anpassungen. In einzelnen Fällen könnten gewisse Prozesse aus Kostengründen ins Ausland transferiert werden; dies hätte einen Verlust an Arbeitsplätzen in der Schweiz zur Folge.