Zürich als führender Hub der Rückversicherung

Kontext07. Januar 2019

Die Region Zürich ist zusammen mit den USA, Deutschland, London und Bermuda einer der fünf grössten Rückversicherungsstandorte weltweit. Viele ausländische Rückversicherer haben Niederlassungen in der Schweiz – und in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich einige neue Rückversicherer in der Region niedergelassen.

Gute Rahmenbedingungen in der Schweiz

Das Rückversicherungsgeschäft ist ein globales Geschäft, bei dem professionelle Marktteilnehmer über Ländergrenzen hinweg agieren, um die Risikoexponierung durch eine breite (geographische) Diversifikation abzufedern. Die Schweiz gilt international als stabiler und verlässlicher Marktplatz für Rückversicherung. Dies hat nicht zuletzt mit den guten Rahmenbedingungen zu tun. Die administrative, rechtliche und regulatorische Infrastruktur gelten als vorbildlich. Die Zusammen-arbeit mit den Aufsichtsbehörden ist konstruktiv und wird in einem offenen Dialog gepflegt.

Der wichtigste Standortvorteil ist die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Fachkräften. Auch können Talente aufgrund der hohen Lebensqualität, guten Löhnen und tiefen Steuern global rekrutiert werden. Rückversicherer sind auf besondere Expertisen zur Einschätzung von Naturgefahren und technischen Risiken angewiesen und benötigen darüber hinaus spezifisches Wissen im Bereich Risikomanagement und Kapitalmärkte.

Doch der Wettbewerb um die Ansiedlung von Rückversicherern ist hart. Die Schweiz muss stets darum bemüht sein, die guten (regulatorischen und steuerlichen) Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten. Strengere Eigenmittelvorschriften (SST-Solvenzquote) zum Beispiel benachteiligen die in der Schweiz angesiedelten Versicherer – und die Personenfreizügigkeit ist essentiell, um ausländische Fachkräfte in die Schweiz holen zu können. Das Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU wiederum könnte dem Rückversicherungshub Zürich Schub bringen, da sich einige Unternehmen überlegen, ihren europäischen Hauptsitz von London nach Kontinentaleuropa umzusiedeln.

Wirtschaftliche Bedeutung und Herausforderungen

2017 erwirtschafteten die 53 in der Schweiz ansässigen und von der Finma beaufsichtigten Rückversicherungsunternehmen (davon 27 Captives) weltweit Bruttoprämien in der Höhe von 56,1 Milliarden Franken und beschäftigten über 4000 Fachkräfte.

Doch bereits seit einigen Jahren erlebt der Sektor einen nie dagewesenen Preisdruck. Die Erstversicherer sind gut mit Kapital ausgestattet, so dass sie weniger Risiken an die Rückversicherer abtreten – und die Nachfrage nach traditionellen Produkten sinkt. Auch die Rückversicherer selber sind gut mit Kapital ausgestattet und kämpfen um Marktanteile. Hinzu kommt die Konkurrenz von neuen Marktteilnehmern und alternativem Kapital wie Insurance Linked Securities (ILS) und Katastrophenbonds.

Aufgrund dieser Überkapazität, die auf die Geschäftsergebnisse drückt und nach Effizienzsteigerung und Kostensenkung ruft, bieten einige Rückversicherer vermehrt massgeschneiderte Lösungen an. Ziel ist, die Versicherbarkeit von schwer versicherbaren Risiken zu erweitern, umfassende Kapazitäten für Katastrophenrisiken bereitzustellen, die Finanzziele zu erreichen oder Strategie und Wachstum zu unterstützen.

Wachstumspotential gibt es für die Rückversicherer vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo es aufgrund des zunehmenden Wohlstands Versicherungslücken zu schliessen gilt – und die Rückversicherer mit ihrer Versicherungsexpertise in den aufstrebenden Volkswirtschaften eine wichtige Entwicklungsfunktion leisten können. Weiter verlangen neue Risiken wie etwa die Cyberbedrohung nach neuen Produkten.

Trotz wirtschaftlicher Bedeutung eine Unbekannte

Trotz ihrer wirtschaftlichen Bedeutung ist die Rückversicherung eine eher unbekannte Branche und steht nur bei grösseren Katastrophen wie etwa den jüngsten Waldbränden in den USA oder dem Brückeneinsturz in Genua diesen Sommer im Rampenlicht.

Einer der Gründe ist wohl, dass Rückversicherer keinen Kontakt zu Privatkunden haben. Die traditionelle Rückversicherung unterstützt Erstversicherer, indem sie einen Teil ihrer Schadenlast übernimmt und so zur Stabilisierung deren Ergebnisse beiträgt. Sie steht aber auch Unternehmen und Staaten beratend zur Seite und hilft diesen, sich auf Risiken vorzubereiten oder sie zu bewältigen.

Die führenden Rückversicherer verfolgen zudem aktiv die gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Ziel ist, neuartige, zukunftsbezogene Risiken zu identifizieren und sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Ihnen wird die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Die Liste sogenannter «Emerging Risks» ist lang: Klimawandel, Langlebigkeitsrisiko, Pandemien, Cyberrisiken, «Internet of Things», autonome Mobilität, Nanotechnologie, Wasser und Nahrungsmittel, gentechnisch veränderte Organismen. Das ist auch Ausdruck dessen, dass die Rückversicherer volkswirtschaftliche Verantwortung übernehmen.