Faszination Versicherung

Erich Walser

Erich Walser

Erich Walser
Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes
Generalversammlung, 23. Juni 2011
Marriott, Zürich

Es gilt das gesprochene Wort.

Heute ist Generalversammlung des Schweizerischen Versicherungsverbandes. Ich will im Folgenden den SVV in dem Sinne sezieren, dass ich den Komponenten des Namens unseres Verbandes nachgehe. Drei Begriffe: Schweizerisch, Versicherung und Verband. Was gibt es heute dazu zu sagen?

Schweizerisch als ersten Bestandteil zu schildern ist eigentlich überflüssig. Wir sind ein gesamtschweizerisch tätiger Verband und erheben selbstverständlich den Anspruch, die ganze hiesige Assekuranz zu vertreten. Muss ich also definieren, was schweizerisch ist? Ich unterlasse es, weil das Thema uferlos wäre, und auch weil ich im Wahljahr politisch korrekt bleiben will. Ich konzentriere mich somit auf die beiden andern Themen, nämlich auf die Versicherung und auf den Verband. Ich beginne mit der Frage nach Funktion und Selbstverständnis eines Verbandes.

Vor genau einem Jahr haben die Mitglieder des SVV beschlossen, ihren Verband neu auszurichten. Künftig bildet die politische Interessenvertretung noch konsequenter als bisher den Kern seiner Grundleistungen. Dieser Schritt war notwendig, denn die Rolle eines Verbandes als Intermediär im politischen System wird immer anspruchsvoller. Warum?

Zunächst beobachten wir, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft laufend weiter ausdifferenzieren. Dadurch werden viele Bereiche unseres Lebens immer spezifischer und komplexer. Häufig haben nur noch die jeweiligen Fachexperten den Durchblick.

Das gilt auch für die Politik. Die Mitglieder des Bundesparlamentes sehen sich immer häufiger mit sehr spezifischen und komplexen Dossiers konfrontiert und müssen Entscheide treffen, die für alle verbindlich, gerecht und sinnvoll sein sollen. Dafür brauchen sie spezifische Informationen, die ihnen fast nur Branchenorganisationen wie der SVV liefern können.

Dies ist ein Grundzug unseres wirtschaftspolitischen Systems in der Schweiz. Unternehmen schliessen sich freiwillig zu Verbänden zusammen, um ihre Kraft zu bündeln und ihre gemeinsamen Interessen zielgerichtet in den politischen Entscheidungsprozess einzubringen. Die Mitwirkung der Wirtschaftsverbände gehört zum eidgenössischen politischen System. Verbände werden bei wichtigen Vorhaben und Erlassen frühzeitig einbezogen und sind im gesamten Entscheidungsprozess auf Stufe Verwaltung und Politik präsent.

Diese Zusammenarbeit nützt sowohl den Verbänden und ihren Mitgliedern als auch der Politik: Die Verbände bringen fachspezifisches Wissen und konkrete Lösungsvorschläge in die Debatte ein und vertreten die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder. Die Politik andererseits profitiert von breiterer Akzeptanz und geringen Reibungsverlusten bei der Umsetzung. Gedacht als Win-Win-Situation für Politik und Wirtschaft, in der Praxis allerdings oftmals nicht so ausgewogen.

Auch wenn im Einzelfall der angestrebte Erfolg oft ausbleibt, ist es wichtig, dass Wirtschaftsunternehmen auf diesem Weg am politischen Entscheidungsprozess mitwirken, was nicht nur ihr demokratisches Recht ist, sondern auch ihre unternehmerische Pflicht.

Damit komme ich zur zweiten Beobachtung. Je stärker sich die Wirtschaft ausdifferenziert, desto spezifischer werden die berechtigten Anliegen einzelner Branchen und Unternehmen. Grosse Konzerne haben ihre besonderen Anliegen, ebenso wie kleine und mittlere Unternehmen, global tätige ebenso wie nationale, börsenkotierte Aktiengesellschaften ebenso wie Genossenschaften, Rückversicherer ebenso wie Erstversicherer, Lebensversicherer ebenso wie Sachversicherer, Allbranchenversicherer ebenso wie Nischenplayer. Das gehört zum Wesen eines breit abgestützten Verbandes, der seine politische Legitimation gerade daraus schöpft, dass er ein breites Spektrum von Unternehmen vertritt.

Wenn sich nun der Wettbewerb verschärft – und im Versicherungsgeschäft herrscht harter Wettbewerb –, dann rückt im Alltag oft das spezifische Unternehmensinteresse gegenüber den übergeordneten und gemeinsamen Anliegen in den Vordergrund. Das nennt man Partikularismus und sei hier ausdrücklich wertneutral gemeint. Partikularinteressen wird es immer geben, denn sie machen den Wettbewerb aus. Jedes Verbandsmitglied hat aber stets auch allgemeine Interessen und muss diese immer wieder von Neuem gegen individuelle Anliegen abwägen. In unserem Wirtschaftszweig, der so stark reguliert ist, kann kein Unternehmen auf den Einsatz für allgemeine Brancheninteressen verzichten.

Ein Wirtschaftsverband wie der SVV kann als repräsentative Stimme der Versicherungsbranche nur die gemeinsamen Interessen vermitteln und sich nicht in den Dienst von Partikularinteressen einzelner Mitglieder stellen. Das leuchtet jedem Mitglied ein. Aber die Suche nach dem grössten gemeinsamen Nenner gestaltet sich für Wirtschaftsverbände zunehmend schwieriger. Auch das ist ein Zeichen des intensiveren Wettbewerbs.

Es wäre eine unheilvolle Entwicklung, wenn insbesondere grosse Unternehmen sich darauf beschränken würden, individuell nur noch ihre eigenen Interessen und Sichtweisen in den politischen Prozess einzubringen. Dafür kann es in Einzelfällen gute Gründe geben, doch letztlich gewinnt damit niemand etwas. Die Branche insgesamt würde an Gewicht verlieren, für die Politik würde die Interessenabwägung noch komplexer, und das ganze Verfahren ineffizienter und intransparenter. Zum Prinzip erhoben würde das auch bedeuten, dass sich das Austarieren von spezifischen und sich widersprechenden Partikulärinteressen von der Stufe Verband direkt zu den politischen Entscheidungsträgern verschiebt. Die Auseinandersetzungen zwischen Unternehmen einer Branche um sinnvolle gesetzliche Rahmenbedingungen würden in extremis nicht mehr innerhalb der Branche geführt, sondern in der Öffentlichkeit. Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit von Politik, Verwaltung, Medien und Publikum würde woanders entschieden.

Wenn die Versicherer in der Politik weiterhin als starke Stimme wahrgenommen werden wollen, müssen wir auch in Zukunft gemeinsam einstehen für unsere gemeinsamen Anliegen. Der SVV als Repräsentant der ganzen Schweizer Versicherungswirtschaft gegenüber der Politik wird auch in Zukunft die volle Unterstützung aller Mitglieder brauchen, um seine integrative politische Aufgabe erfüllen zu können.

Denn eines ist klar: An der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft wird es auch in Zukunft nicht langweilig werden. Genau so wenig, wie es uns an politischen Herausforderungen mangeln wird, so wird es auch an wirtschaftlichen Herausforderungen nicht fehlen. Genau das macht die Vielseitigkeit unserer Branche aus. Damit komme ich zum zweiten Teil, nämlich zur Faszination der Versicherung.

Viele der Anwesenden hier im Saal sind Versicherer. Meine Damen und Herren, Sie sind hoffentlich alle fasziniert von Ihrem Beruf. Wen soll ich denn heute noch von der Faszination der Versicherung überzeugen? Die schon längst Bekehrten noch intensiver missionarisch betreuen? Ich rede trotzdem darüber, weil ich leider immer stärker den Eindruck gewinne, wir Versicherer würden zu oft nur noch über unsere Probleme lamentieren und vergessen, wofür wir uns einsetzen. Lassen Sie mich also ein paar einfache Grundzüge unseres Geschäftes in Erinnerung rufen.

Das Versicherungsgeschäft galt bis vor wenigen Jahren als langweilig – so ungefähr nach dem Muster: Prämien einnehmen, Schäden und Kosten bezahlen, Geld verwalten und im Frühling Gewinne verteilen. Aber schon der erste Schritt ist anspruchsvoll, das Einnehmen von Prämien. Die Kunden schliessen Versicherungen nicht so ab, wie sie Getränke im Supermarkt oder Benzin an der Tankstelle kaufen. Für ihre Versicherung wollen die Kunden gute Lösungen zu einem vernünftigen Preis und vertrauenswürdige Beratung. Jede Gesellschaft erfindet den Vertrieb periodisch immer wieder neu. Faszinierend – nicht zuletzt für die Gilde der Berater.

Jemanden versichern, meine sehr verehrten Damen und Herren, heisst dessen Risiken zu übernehmen, auf eigene Rechnung zu tragen und dafür Prämien einzunehmen. An sich eine Binsenwahrheit, doch werden in der Praxis gewisse Produktentwickler offensichtlich ab und zu von der Faszination des Neuen geblendet und vergessen den Kern unseres Geschäftes, nämlich Risiken zu tragen. Das ist unsere reale volkswirtschaftliche Legitimation, denn unsere hoch entwickelte Gesellschaft braucht Risikoträger. Ohne Versicherungen läuft fast nichts.

Faszinierend ist die Frage, welche Risiken versichert werden sollen und können. Die Risiken sind so vielfältig wie das Leben. Vieles ist versicherbar, aber nicht Alles. Bei privaten Schadensversicherungen stellt sich die Frage der Versicherbarkeit von Risiken nur selten. Anspruchsvoller wird es bei der Lebensversicherung und den biometrischen Risiken. Finanzieller Schutz bei Erwerbsunfähigkeit oder Todesfall sind ebenso wichtige individuelle Anliegen wie die planmässige Vorsorge für das Alter. Mit den Steuern wird das Geschäft in der Regel komplexer. Steuerfragen sind meist eng mit der Vorsorge verknüpft. Steuerthemen stehen deshalb regelmässig auf der Traktandenliste des Verbandes, leider immer mehr auch internationale.

Versicherer bieten Unternehmen und Pensionskassen an, ihre Risiken in der beruflichen Vorsorge zu übernehmen. Gerade für KMU ist es ein zentrales Anliegen, solche Risiken auszulagern – nicht nur das Invaliditäts-und Langlebigkeitsrisiko, sondern auch das Anlagerisiko auf dem Kapitalmarkt. Komplexe Risiken gegen Prämien zu tragen, das ist unsere Faszination in der Vorsorge und gleichzeitig eine volkswirtschaftlich eminent wichtige Aufgabe. Wir müssen uns auch in den kommenden Jahren mit Überzeugung für unser Geschäft in der beruflichen Vorsorge einsetzen – allen politischen Unkenrufen zum Trotz.

Faszinierend ist auch die Frage, wie wir mit Ereignissen umgehen, die sehr selten sind, aber ein extrem grosses Schadenpotenzial haben. In Japan haben wir die Grenzen der Versicherbarkeit erlebt. Nicht jede Katastrophe ist auch versicherbar. Wenn Ereignisse und ihre Folgen nicht mehr kalkulierbar sind, sind sie nicht versicherbar. Welches maximale Risiko können Versicherer im Extremfall finanziell übernehmen? Welche Prämie können Kunden tragen? Und die Folgefrage: Wer kommt für die nicht versicherbaren Grösstschäden auf? Es ist letztlich der Staat, der in einer solchen Situation eingreifen und dazu Steuern erheben muss – wie Japan es jetzt bevorsteht.

Deshalb ist selbstkritisch die Frage zu stellen: Wozu taugt denn ein privater Versicherungsschutz? Nun – wenn in Katastrophenfällen der Staat die letzte Rettung ist, so heisst das noch lange nicht, dass die private Versicherung sinnlos wäre. Ganz im Gegenteil. Versicherer bieten Schutz gegen kalkulierbare Risiken unterhalb des Niveaus von Grosskatastrophen, denn dafür steht der Staat zu Recht nicht ein.

Die Versicherung gegen Naturgefahren in der Schweiz ist sehr gut. Unsere obligatorische Elementarschadenversicherung bietet Deckung gegen alle vorstellbaren Naturereignisse in der Schweiz, wie Lawinen, Hochwasser, Sturm und weitere – allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme, nämlich Erdbeben. Deren Versicherung in der Schweiz wäre machbar, doch ist ihre solidarische Realisierung bisher am fehlenden politischen Willen gescheitert. Nach der Katastrophe in Japan 2011 geht man in Bern jetzt wieder über die Bücher.

Einen der faszinierendsten Aspekte der Versicherung klammere ich heute aus, die Kapitalanlagen. Eine hoch interessante Aufgabe, früher als möglichst risikofreies Nebengeschäft betrachtet, heute entscheidend für Bilanz und Erfolgsrechnung. Bei mancher Gesellschaft liegen die grössten Risiken in diesem Bereich. Das hat auch die Aufsicht realisiert und deshalb das Regelwerk mit Modellen verdichtet.

Jedenfalls tragen wir Risiken sowohl aus dem technischen Geschäft als auch am Kapitalmarkt. Wer so grosse Risiken trägt, braucht Eigenkapital. Es ist eine branchenspezifische Herausforderung, den Kapitalbedarf zu berechnen. Wo liegt das Optimum? Zu viel Eigenkapital ist teuer und wird von den Kapitalgebern nicht gewährt. Heute gibt die die Finma den Takt an. Die Diskussionen drehen sich vor allem um Modelle. Ich verhehle nicht, dass die Finma und die Assekuranz teilweise unterschiedliche Ansichten haben. Die Finma ist der Vorreiter in Europa – nach der Beurteilung des SVV unnötigerweise, denn die Schweizer Versicherer waren in allen Krisen sehr standfest und sehen sich nicht mit Reputationsproblemen konfrontiert.

Das Faszinierendste an der Versicherung sind aber letztlich nicht Modelle und Verordnungen, sondern die Menschen, die Kunden und Mitarbeitenden. Unsere Kunden sind Menschen mit Bedürfnissen, die nicht immer so klar definiert sind. Und die Kunden wollen erst recht als Menschen wahrgenommen werden, wenn sie einen Schadenfall erlitten haben. Die Mitarbeitenden sind dann fachlich und menschlich gefordert. Persönlichkeit ist dabei ebenso gefragt wie Wissen, Können und Erfahrung. Die tägliche Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Menschen ist das Faszinierendste in der Versicherung.

Alle diese Anforderungen, Ansprüche, Wünsche und Erwartungen unter einen Hut zu bringen und Unternehmen in einer volkswirtschaftlich bedeutenden Branche zum nachhaltigen Erfolg zu führen, das ist die faszinierende Verpflichtung gegenüber Kunden, Mitarbeitenden und Aktionären. Die Schweizer Versicherer packen diese Aufgabe auch für die nächsten Jahre mit Freude und Begeisterung an. Der SVV soll und wird alles tun, um seine Mitglieder optimal zu unterstützen.

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