
Albert Lauper, Vizepräsident des SVV
Albert Lauper
Vizepräsident des SVV
Vorsitzender der Gruppe Mobiliar
Medienkonferenz, 22. Januar 2003
Hotel Savoy Baur en Ville, Zürich
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren
Im Jahr 2000 hat der SVV seinen 100sten Geburtstag unter das Motto «die Zukunft sichern» gestellt. Wenn ich heute einen Blick in die damaligen Referate, Grussbotschaften und Erklärungen werfe, so begegne ich einer selbstbewussten, zuversichtlichen oder gar optimistischen Branche. Die Ereignisse und Entwicklungen in den letzten beiden Jahren haben dieses Bild – unser Präsident hat davon gesprochen – zumindest teilweise getrübt. Natürlich hat man bereits damals um die Vielzahl der Herausforderungen gewusst. Aber die Intensität und die Dimension der Fragen und Probleme haben uns doch alle überrascht. Im Lichte dieser Entwicklung analysieren gegenwärtig diverse Gesellschaften ihre eigene Positionierung im Markt. Ziele, Strategien, Strukturen und Managementprozesse werden hinterfragt, bewertet und angepasst.
Allerdings gibt es in diesem System der Gestaltung und Lenkung eines Unternehmens auch Elemente, deren Wert und Bedeutung konstant und unbestritten sind. Wissen ist ein solches Element, dem unsere Gesellschaften als strategisches Führungsinstrument unverändert hohe Priorität beimessen. Auch in turbulenten Phasen besteht Einigkeit darüber, dass die Entwicklung der fachlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen aller Mitarbeitenden eine Investition darstellt, die wesentlich zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Versicherungsgesellschaften in der Schweiz alles in allem jährlich Mittel in dreistelliger Millionenhöhe für die Ausbildung aufwenden.
Bei all diesen Anstrengungen in den einzelnen Gesellschaften stimmt man überein, dass auch auf Stufe Verband – gesellschaftsübergreifend – ein Engagement in der Aus- und Weiterbildung notwendig ist. Basierend auf einem klaren Bekenntnis zur überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung ist unser Verband auf allen Stufen und in verschiedenen Segmenten mit erheblichem personellem und finanziellem Aufwand aktiv.
Ich möchte Sie, quasi im «Generationentakt», über dieses Engagement informieren und Ihnen damit aufzeigen, dass wir auf Stufe SVV unseren bildungspolitischen Auftrag sehr ernst nehmen.
In der Schweiz gibt es rund eine halbe Million Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren. In Vorbereitung auf das Erwerbsleben, an der Schwelle zum Erwachsensein sind sie mit wichtigen Weichenstellungen konfrontiert. Ein grosser Teil der 15 bis 20-Jährigen steht dabei mitten in der Ausbildung: in der Berufsschule, in der Mittelschule. Für sie und ihre Lehrer und Lehrerinnen haben wir vor gut zwei Jahren ein Lehrmittel geschaffen (Bild bzw. Bildablauf). In intensiver Arbeit hat ein Team von Fachleuten in ständigem Kontakt mit Schülergruppen das Lehrwerk «Schadenfreunde» entwickelt. In den kommenden Monaten werden wir das Produkt inhaltlich und technisch den neusten Entwicklungen anpassen, damit dessen Attraktivität unvermindert gewährleistet ist.
Zwei Ziele verfolgen wir mit diesem Lehrwerk: Zum einen wollen wir die abstrakte Materie der Versicherung den jungen Menschen verständlich und unter Einsatz der modernen Kommunikationsmittel «stufengerecht» näher bringen. Zum anderen wird mit konkreten Beispielen vor Augen geführt, wie interessant und spannend es sein kann, in einem Versicherungsunternehmen zu arbeiten.
Den Gefahren und Risiken begegnen auch die 15 bis 20-Jährigen täglich. Wir haben ein Interesse, dass sie möglichst früh lernen damit umzugehen. Dazu gehören gewisse Grundkenntnisse über das Vorsorge- und Versicherungswesen in diesem Lande. In diesem Alterssegment fallen aber auch die ersten Entscheide hinsichtlich des beruflichen Werdegangs. Ich bin der Auffassung, dass die Attraktivität der Versicherungen als Arbeitgeber unterschätzt wird. Auch diesbezüglich sind wir gewillt, einiges zu tun.
Seit wenigen Tagen ist eine Broschüre mit dem Titel «Berufe in der Versicherung» auf dem Markt (Bilder). Sie finden dieses jüngste Beispiel unserer Informationsaktivitäten in Ihrer Pressemappe. In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Verband für Berufsberatung haben wir eine Orientierungs- und Entscheidungshilfe bereitgestellt, die den jungen Menschen Möglichkeiten, Chancen und Perspektiven in der privaten Versicherungswirtschaft aufzeigen soll. U.a. sind darin auch die wesentlichen Elemente der reformierten kaufmännischen Grundausbildung enthalten.
In der Schweiz beenden jährlich rund 100’000 Jugendliche die obligatorische Schulzeit. Zwei Drittel, also über 65’000, beginnen eine Berufslehre; 12’000 unter ihnen wählen eine kaufmännische Ausbildung.
Die Mitgliedgesellschaften des SVV sind traditionell und aus Überzeugung in der Lehrlingsausbildung engagiert. Seit Jahren stehen deutlich über 2000 Lehrlinge in der Privatassekuranz in Ausbildung – aktuell sind es rund 2300 (Bild). Entgegen den Pressemeldungen aus anderen Branchen hat eine Umfrage bei unseren Mitgliedgesellschaften ergeben, dass die Versicherer auch im gegenwärtig schwierigen Umfeld ihr Engagement in der Lehrlingsausbildung vollumfänglich weiterführen werden. Es war deshalb selbstverständlich, dass wir am Grossprojekt «Reform kaufmännische Grundausbildung» über unseren Berufsbildungsverband VBV von Beginn weg intensiv mitgearbeitet haben. Wir waren bei der Formulierung der Ausbildungsziele, der Definition der Lerninhalte und der konkreten Ausgestaltung der Prüfungen dabei. Abgerundet wurde unser Engagement durch diverse Pilotversuche bei Versicherungsgesellschaften. Mit der Umsetzung der Reform im Sommer 2003, unter Einbezug der Berufsmaturität, steht der kaufmännischen Ausbildung ein grosser Schritt bevor.
Unser Berufsbildungsverband ist gerüstet. Modell-Lehrgänge und überbetriebliche Kurse für die Versicherungsgrundkenntnisse stehen bereit, und vor wenigen Tagen hat unser Vorstand ein Finanzierungskonzept für ein neues Lehrlingslehrmittel in der Höhe von rund 1,5 Mio. Franken genehmigt.
Wir als Arbeitgeber brauchen diese Weiterentwicklung und sind überzeugt, dass wir damit den jungen Leuten weiterhin eine konkurrenzfähige und innovative Berufsausbildung anbieten können.
Auf dem Weg des lebenslangen Lernens komme ich zum zentralen Berufsqualifikationssystem, das sich an die Berufslehre anschliesst. Mit der Ebene Berufsprüfung (Abschluss Fachausweis) und Höhere Fachprüfung (Abschluss Diplom) ist dieses System zweistufig angelegt. Mit dem Fachausweis erhält der Kandidat die Bestätigung, als qualifizierte Fachkraft eine praxisnahe Ausbildung erfolgreich absolviert zu haben. Die höhere Fachprüfung mit eidgenössischem Diplom baut auf der Berufsprüfung auf oder folgt einem Erststudium. Der Kandidat oder die Kandidatin erwirbt sich das methodische und fachliche Rüstzeug zum Einsatz in leitenden Funktionen.
Die rasante Entwicklung bei den Banken und Versicherungen in der Mitte der neunziger Jahre brachte Bewegung in die Aus- und Weiterbildung; liess neue Berufsfelder und Berufsbilder entstehen. Eine 1997 aus Vertretern von Banken, Versicherungen und Finanzplanern zusammengesetzte Arbeitsgruppe kam deshalb zum Schluss, dass die Zukunft der Berufs- und höheren Fachprüfungen nur mit einem modularen System, das kurzfristig und flexibel an neue Gegebenheiten angepasst werden kann, zu bewältigen ist. Nach intensiven Vorarbeiten wurde Ende 1999 die Schweizerische Trägerschaft für Berufs- und höhere Fachprüfungen in Bank, Versicherung und Finanzplanung BVF gegründet. Im Frühjahr 2000 fanden die ersten Prüfungen nach dem neuen Reglement statt.
Und heute? Die Abkehr von der traditionellen Abschlussprüfung hin zur Möglichkeit, sich gezielt in ausgewählten Modulen ausbilden und prüfen zu lassen, ist eine wahre Erfolgsstory geworden (3 Bilder in Folge). Sie sehen zuerst die Entwicklung beim Diplom mit einer Verdreifachung der Kandidatenzahl seit 2000. Noch eindrücklicher präsentieren sich die Zahlen auf Stufe Fachausweis, wo letztes Jahr sage und schreibe 3239 Kandidaten in gesamthaft 13’653 Modulen geprüft worden sind. Das dritte Bild zeigt uns die Anmeldungen für die Lehrgänge im laufenden Jahr. Sie sehen, das Interesse an unserem Angebot ist ungebrochen. Diese Zahlen erfüllen uns mit Stolz, machen uns aber auch gewisse Sorgen. Rund 1500 Damen und Herren standen im letzten Herbst zur Korrektur der schriftlichen und zur Abnahme der mündlichen Prüfung im Einsatz. Milizsystem pur; aber nur durch das Engagement und die Freistellung dieser Spezialisten aus den Gesellschaften ist es überhaupt möglich, die Banker, Versicherer und Finanzplaner zu qualifizieren. Diese Expertinnen und Experten stehen in ihren Unternehmungen selbst in verantwortungsvollen und anforderungsreichen Positionen. Wir müssen die Grenzen des Milizsystems erkennen, ohne dabei Konzessionen bei der Qualität zu machen.
Auf der akademischen Stufe ist der SVV nicht direkt aktiv. Das nationale und internationale Angebot im akademischen Bereich und auf der obersten Führungsstufe ist umfassend und von hoher Qualität. Unser Verband ist aber mit dem einzigen Versicherungsinstitut in unserem Lande, dem I.VW an der Universität St. Gallen, eng verbunden. Unser Vorstand hat sich vor wenigen Tagen dazu entschlossen, die finanzielle Unterstützung des I.VW zu erhöhen. Damit sollen die Freiräume für Forschung und Lehre im Institut auch zukünftig sicher gestellt sein.
Nach diesem Querschnitt durch unser Bildungssystem möchte ich noch auf ein Segment unserer Beschäftigten zu sprechen kommen, das für uns Versicherer von zentraler Bedeutung ist. Der Aussendienst; jene Leute, die hauptberuflich unsere Produkte verkaufen und die von der Öffentlichkeit in besonderem Masse als «Vertreter» (im doppelten Sinne) unserer Branche wahrgenommen werden. Auch wenn ab und zu über sog. «schwarze Schafe» in den Medien berichtet wird, so kann ich gesamthaft überzeugt feststellen: In den Gesellschaften wird sehr professionell und intensiv an der Ausbildung des Aussendiensts gearbeitet.
In vielen Prognosen wurde diesem traditionellen Absatzkanal im Zusammenhang mit den alternativen Vertriebswegen schon vor Jahren der Niedergang vorausgesagt. (Bild) Fakt ist, dass in den vergangenen Jahren mehr als 10’000 Personen – das sind immerhin rund 20 Prozent unserer Gesamtbeschäftigten – in der Kundenberatung tätig sind. Tatsache ist auch, dass es bis heute keine gesetzlichen Vorschriften hinsichtlich Zulassung bzw. Ausbildung der Versicherungsberater gibt. Bekanntlich soll dies im revidierten Aufsichts- bzw. Versicherungsvertragsgesetz geändert werden. In Umsetzung der EU-Vermittlerrichtlinie wird zukünftig das Anforderungsprofil – auch im Bereich der Ausbildung – definiert. Der SVV befürwortet diese Entwicklung. Verbandsintern haben wir in Zusammenarbeit mit unserem Berufsbildungsverband VBV entsprechende Ausbildungspläne erarbeitet und wir sind auch bereit, bei einer zentralen Registrierung aktiv mitzuwirken.
In diesem Zusammenhang weise ich gerne darauf hin, dass wir Versicherer durchaus an kritischen und informierten Kunden interessiert sind. Transparenz auf unserer Seite ist dazu ein Stichwort – Herr Bättig hat dazu bereits gesprochen. Wir stellen auf Stufe Verband auch ausserhalb der gesetzlichen Vorschriften Informationen für den «mündigen Kunden» bereit. (Bild) Unser «ABC der Privatversicherungen» ist dafür nur ein Beispiel.
Meine Damen und Herren
Im deregulierten und kundenorientierten Markt wird die Ausbildung weiter an Bedeutung gewinnen. Wir wollen die entsprechenden Aufgaben auf Verbandsebene auch zukünftig offensiv angehen und den laufenden Veränderungen im Markt und in der Bildungslandschaft Rechnung tragen. Damit wir in den kommenden Jahren mit unserem Engagement und unseren Investitionen richtig liegen, haben wir im letzten November das Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen mit einer Studie beauftragt. Losgelöst vom geschilderten Bildungsalltag möchten wir wissen, ob wir unsere Ressourcen mit Sicht auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden und unserer Mitgliedgesellschaften unter Berücksichtigung der Trends im bildungspolitischen Umfeld optimal einsetzen. Die «Gesamtkonzeption der überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung in der schweizerischen Versicherungswirtschaft» soll darauf Antworten geben. Die Studie soll vor den Sommerferien 2003 vorliegen. Sie wird für uns Basis und Entscheidungsgrundlage für die Planung der Ausbildungsaktivitäten sein.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.